Design Systeme im öffentlichen
Sektor: Wie geht’s weiter?
Autor: Marko Thorhauer
Im Kontext der öffentlichen Verwaltung sind Designsysteme längst kein „nice to have“ mehr. Sie sind die zentrale Grundlage für stabile, standardisierte und barrierefreie digitale Services – und damit Voraussetzung für den sinnvollen Einsatz von KI in der Softwareentwicklung.
Wenn generative KI im Bund eingesetzt wird, um Varianten zu entwickeln, Code zu erzeugen oder Prozesse zu automatisieren, benötigt sie klare Regeln, geprüfte Komponenten und verlässliche Strukturen. Genau diese liefert das Designsystem: Es sorgt für Konsistenz über Anwendungen hinweg, unterstützt die Einhaltung gesetzlicher Anforderungen und ermöglicht Nachnutzung im großen Maßstab.
Im öffentlichen Sektor Deutschlands haben sich Design Systeme von reinen UI‑Bibliotheken zu strategischen Bausteinen entwickelt. Systeme wie DESYBRI und KERN adressieren zentrale Design-Herausforderungen der Verwaltungsdigitalisierung: Barrierefreiheit, Konsistenz, Wiederverwendbarkeit und Effizienz. Immer mit dem Ziel, digitale Interaktionen schneller, besser und vor allem nutzerfreundlicher zu gestalten.
Der Servicestandard Deutschland setzt in Ergänzung dazu übergreifend verbindliche Maßstäbe für gute digitale Angebote der Verwaltung in Deutschland.
International zeigen führende Plattformen wie das GOV.UK Design System und das U.S. Web Design System (USWDS), dass Design Systeme zunehmend als Produkte und Produktionsplattformen verstanden werden – mit klaren Roadmaps und professioneller Governance. Natürlich jetzt auch für KI-Interfaces und KI-Entwicklungsprozesse.
Es gibt klare Parallelen zur Entwicklung in der freien Wirtschaft: Design Systeme werden zunehmend als kritische Infrastruktur für skalierbare, KI-gestützte Digitalisierung gesehen. Denn: Ohne klare Vorgabe weiß künstliche Intelligenz nicht, wie sie gestalten soll.
Technologieunternehmen wie IBM (carbondesignsystem.com), Microsoft oder SAP investieren schon seit Jahren in ihre Designsysteme, um Entwicklung zu beschleunigen und einheitliche Nutzererfahrungen über ihre digitalen Produkte hinweg zu erzielen. Der Mittelstand zieht auch in Deutschland aktuell nach – denn Firmen verstehen, dass digitale „Customer Experience“ essentiell für wirtschaftlichen Erfolg ist, besonders in Zeiten von KI.
Auch für den öffentlichen Sektor Deutschland steht dieser nächste Schritt an:
Der Ausbau der Design Systeme zum Fundament für KI-gestützte Digitalisierung.
Dieser Artikel analysiert den aktuellen Stand, vergleicht nationale und internationale Ansätze und skizziert konkrete strategische Weiterentwicklungsmöglichkeiten – inklusive Handlungsoptionen für Entscheider*innen.
Warum Design Systeme für die Digitalisierung im öffentlichen Sektor essenziell sind
Heute kämpft Verwaltungsdigitalisierung in Deutschland häufig immer noch mit
- inkonsistenten Nutzererlebnissen,
- fehlender Barrierefreiheit,
- redundanter Entwicklung und
- fehlender Skalierbarkeit über föderale Ebenen hinweg.
Design Systeme für den öffentlichen Sektor adressieren diese Probleme auf struktureller Ebene. Sie definieren, wie staatliche digitale Services gedacht, gebaut und erlebt werden. Und ermöglichen Skaleneffekte durch wiederverwendbare Komponenten und Standards.
Mit DESYBRI und KERN verfügt Deutschland über zwei komplementäre Stärken:
- hohe Accessibility‑Tiefe (DESYBRI)
- hohe föderale Skalierbarkeit & Community‑Ansatz (KERN)
KERN beschreibt sich dabei explizit als UX‑Standard für die deutsche Verwaltung im föderalen Kontext. DESYBRI positioniert sich als barrierefreier Baukasten für komplexe Fachverfahren, v.a. auf Bundesebene.
International liegt Deutschland jedoch noch zurück bei:
- verbindlicher Durchsetzung
- Governance & Organisation
- AI‑Integration in Design Systeme
DESYBRI wurde vom Informationstechnikzentrum Bund entwickelt und ist auf barrierefreie digitale Verwaltungsdienste spezialisiert.
Zentrale Merkmale:
- Barrierefreiheit als Primärprinzip
- Atomic‑Design‑Ansatz
- Design Library (Figma) + Development Library (React, auf Basis von KoliBri)
- Integrierte Qualitätskriterien (Usability, UX Writing, Accessibility)
- Fokus auf komplexe, prozessorientierte Fachverfahren
Stärken:
- Hohe Tiefe bei Accessibility‑Standards
- Enge Kopplung von Design & Entwicklung
- Praxisnah für Bundesverwaltung
Grenzen:
- Aktuell stark auf Bundesebene ausgerichtet
- Begrenzte Community‑Skalierung im Vergleich zu offenen Systemen
KERN verfolgt einen bewusst föderalen, offenen Ansatz und wird länderübergreifend community‑basiert entwickelt.
Zentrale Merkmale:
- Technologieunabhängiges, Open‑Source‑Designsystem
- Design‑, Methoden‑ und Community‑Ansatz kombiniert
- Integration in die digitale Dachmarke des Staates
- Ziel: Wiedererkennbarkeit und Vertrauen über alle Ebenen hinweg
Stärken:
- Hohe Anschlussfähigkeit für Länder & Kommunen
- Starke Community & Governance
- Klarer Fokus auf Wiederverwendung und Skalierung
Grenzen:
- Weniger tief spezialisiert auf hochkomplexe Fachverfahren
- Vergleichsweise höhere Abhängigkeit von Governance‑Reife der beteiligten Akteure
Internationale Benchmarks: Andere Nationen geben die Richtung vor
Das GOV.UK Design System gilt weiterhin als Referenzmodell für staatliche Design Systeme. Seine Besonderheit liegt nicht primär in der Komponentenbibliothek, sondern in der systematischen Verzahnung von Design, Forschung, Content, Technik und Governance.
Reifegradmerkmale:
- Einheitliche Design‑, Content‑ und Service‑Prinzipien
- Verpflichtende Nutzung für zentrale Government Services
- Starker Fokus auf evidenzbasierte Designentscheidungen
- Enge Anbindung an das GOV.UK Service Manual und den Technology Code of Practice
GDS testet und integriert frühzeitig AI‑basierte Bürger*innen‑Interaktion, etwa über „GOV.UK Chat“, einen staatlichen Conversational Assistant, der Informationszugang vereinfachen soll. Parallel veröffentlicht GDS ein eigenes AI Playbook, um Nutzung, Risikoabwägung und Governance systematisch zu regeln. AI wird nicht als isolierte Innovation betrachtet, sondern als Bestandteil des Service‑Design‑Stacks – mit klaren ethischen und operativen Leitplanken.
Das U.S. Web Design System (USWDS) ist stark auf Standardisierung, Compliance und Skalierbarkeit ausgelegt. Es dient der Vereinheitlichung hunderter Bundesbehörden und ist verpflichtende Referenz für viele Federal Websites.
- Fokus auf Accessibility, Mobile‑First und Performance
- Design Tokens als zentrales Abstraktionsmodell
- Klare Dokumentation regulatorischer Anforderungen
- „Design for Compliance“ statt explorativem Service Design
AI spielt im USWDS bislang eine unterstützende Rolle (z. B. Content‑Produktion, Test‑Automatisierung), nicht jedoch als Endnutzer‑Interface.
Frankreich verfolgt mit dem DSFR (Système de Design de l’État) einen hochgradig zentralisierten Ansatz. Das System ist eng an die staatliche Identität („Marque de l’État“) gekoppelt und stark visuell normierend.
- Klare visuelle und semantische Standards
- Zentrale Verbindlichkeit für staatliche Websites
- Weniger Community‑getrieben, stärker top‑down gesteuert
AI wird bislang primär auf Plattform‑ und Service‑Ebene diskutiert, nicht explizit als Bestandteil des Design Systems. Zentrale Durchsetzungsfähigkeit in Frankreich die Konsistenz – birgt jedoch Risiken für Innovationsgeschwindigkeit und föderale Anschlussfähigkeit.
Als weitere Benchmarks werden häufig die Design Systeme von Singapur, Canada, Italien, das Design System der Vereinigten Arabischen Emirate oder die nordischen Staaten genannt.
Besonders die Nordischen Länder zeichnen sich durch hohe digitale Reife und starke nutzerzentrierte Verwaltung aus. Design Systeme sind dort häufig stärker integraler Bestandteil nationaler Digitalstrategien als isolierte UX‑Projekte. AI wird zunehmend eingesetzt, jedoch mit hohem Augenmerk auf Transparenz, Fairness und Erklärbarkeit.
Der internationale Vergleich zeigt drei klare Entwicklungsrichtungen:
- Design Systeme werden zu staatlichen Produktplattformen
- AI wird integraler Bestandteil von Service‑ und Interface‑Design
- Governance entscheidet über Wirkung, nicht Komponentenqualität
Für Deutschland bedeutet das: Der nächste Reifegrad entsteht nicht durch ein „drittes“ Design System, sondern durch klare Rollenverteilung, verbindliche Nutzung und AI‑fähige Weiterentwicklung bestehender Systeme.
Der nächste Schritt: Design Systeme + KI
Künstliche Intelligenz in der Digitalisierung verändert nicht primär das Interface, sondern vor allem den Entstehungsprozess digitaler Services. Folgende Trends betreffen den Einsatz von Design Systemen:
- AI‑assistierte Design‑System‑Nutzung
- automatische Accessibility‑Checks
- Vorschläge für zulässige Komponenten‑Kombinationen
- Regelbasierte UI‑Generierung
- Design‑to‑Code mit Governance
- Figma → Code mit Design‑System‑Constraints
- Reduktion von Medienbrüchen
- Qualitätskontrolle durch Systemregeln
- Adaptive Patterns
- kontextabhängige UI‑Varianten (z. B. einfache Sprache)
- personalisierte Servicepfade innerhalb regulatorischer Grenzen
Internationale Akteure wie UK verankern AI bereits strategisch in ihren Roadmaps für Design Systeme. (Mehr Informationen unter: gds.blog.gov.uk).
Daraus ergeben sich folgende strategische Imperative für öffentliche Design Systeme in Deutschland:
- Design Systeme als produktive Plattformen für KI-basierte Entwicklung denken, nicht als Projekte oder Artefakte
- Konsequenter Aufbau der Design Systeme für Maschinenlesbarkeit
- Permanentes Screening der relevanten technischen Entwicklungen (z.B. MCP – Model Context Protokoll)
- KI‑Leitplanken fest in Design‑System‑Governance integrieren
- Accessibility mit KI automatisieren, nicht nur dokumentieren
- Verbindliche Adoption im öffentlichen Sektor unterstützen
- Einbeziehung der Communities und transparente Roadmap-Kommunikation
Konkrete Handlungsoptionen für Entscheider im öffentlichen Sektor könnten sein:
Kurzfristig (0–12 Monate):
- KI‑Pilotprojekte explizit an bestehende Design Systeme koppeln
- Design Systeme bei Vergaben verbindlich einfordern
- Zentrale KI‑&‑UX‑Governance‑Teams etablieren
Mittelfristig (1–3 Jahre):
- KI-basierte Design‑to‑Dev‑Pipelines systemisch aufbauen
- Design Systeme als gemeinsame Infrastruktur von Bund/Ländern verstehen
- KI-Interfaces standardisieren
Langfristig (3+ Jahre):
- Design Systeme als Teil des digitalen Betriebssystems des Staates etablieren
- Kontinuierliche, datenbasierte Weiterentwicklung der Design Systeme als Produkte
- Internationale Kooperation und Benchmarking institutionalisieren
Design Systeme entscheiden zunehmend darüber, ob staatliche AI als hilfreich, vertrauenswürdig oder fremdbestimmt wahrgenommen wird.
Deutschland verfügt mit DESYBRI und KERN über eine solide Basis.
Der nächste Schritt ist kein neues System – sondern ein neues Verständnis von Design als adaptive, AI‑fähige öffentliche Infrastruktur.
Fazit
Mit DESYBRI und KERN ist die Grundlage gelegt: Standards für Barrierefreiheit, föderale Nutzung und konsistente Nutzererlebnisse sind etabliert.
Der nächste Reifegrad entsteht jedoch nicht nur durch weitere Komponenten – sondern durch ein neues Verständnis von Designsystemen als produktive, KI‑fähige Plattformen im laufenden Betrieb. Der konsequente Einsatz von Design Systemen entscheidet auch mit darüber, ob staatliche AI als hilfreich, vertrauenswürdig oder fremdbestimmt wahrgenommen wird.
Deutschland verfügt mit DESYBRI und KERN über eine solide Basis, deren Durchsetzung, Governance und inhaltlich-technische Roadmap jedoch noch Luft nach oben hat. Sinnvoll wäre auch eine verzahnte Weiterentwicklung beider Systeme.
Das Wichtigste ist aber, dass sich ein neues Verständnis bei Bedarfsträgern und Entscheidern entwickelt: Design Systeme sind adaptive, KI‑fähige öffentliche Infrastruktur und notwendige Voraussetzung für Schnelligkeit und Skalierung bei der Digitalisierung.
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