Digitale Souveränität: Zwischen Reifegrad und Verantwortung

Mehrere Menschen sitzen in einem kleinen Raum, ihre Stühle zu einem großen Bildschirm gewandt. Sie hören einem Vortrag auf dem Nürnberg Digital Festival zu.

Quelle: IBM iX

Digitale Souveränität wird häufig als technologische Fragestellung diskutiert. Doch Abhängigkeiten entstehen nicht nur durch Technologien, sondern auch durch Organisationen, Prozesse und Verantwortlichkeiten. Im Rahmen des Nürnberg Digital Festivals haben wir untersucht, wie Organisationen den Schritt von Erkenntnis zu Veränderung schaffen können – und warum dafür sowohl Orientierung als auch Enablement notwendig sind.

Digitale Souveränität als Organisationsfähigkeit verstehen

Viele Organisationen spüren heute den wachsenden Druck rund um digitale Souveränität. Regulatorische Anforderungen nehmen zu, technologische Abhängigkeiten werden sichtbarer und neue Technologien wie KI erweitern die Komplexität zusätzlich. Gleichzeitig wird digitale Souveränität zwar als wichtig wahrgenommen, besitzt aber häufig keinen klaren organisatorischen Anker. 

Das Thema bewegt sich zwischen IT, Fachbereichen, Governance, Datenschutz und Management. Jede dieser Perspektiven betrachtet einen wichtigen Teil der Realität, jedoch selten das Gesamtbild. Dadurch fehlen häufig Orientierung, gemeinsame Entscheidungsgrundlagen und eine gemeinsame Sprache für das Thema. 

Genau deshalb verstehen wir digitale Souveränität nicht als Zielzustand, sondern als Organisationsfähigkeit: die Fähigkeit, Abhängigkeiten kontinuierlich zu erkennen, zu bewerten und bewusst zu steuern.

Eine gemeinsame Sprache für digitale Souveränität entwickeln

Auf dem Nürnberg Digital Festival haben wir mit unserem Digital Sovereignty Lab organisatorische, technologische und governancebezogene Aspekte verbunden und Souveränität mit dem SovExplorer direkt messbar gemacht.  

Der SovExplorer nutzt die vier Dimensionen digitaler Souveränität als Bewertungsrahmen und schafft eine strukturierte Sicht auf den aktuellen Reifegrad einer Organisation. Dabei geht es nicht primär darum, einen Score zu erzeugen. Vielmehr schafft der Ansatz eine gemeinsame Diskussionsgrundlage und hilft dabei, unterschiedliche Perspektiven auf dieselben Fragestellungen zusammenzubringen.

Die vier Dimensionen digitaler Souveränität bilden eine Matrix: Datensouveränität, Operative Souveränität, Technologische Souveränität, Menschliche Souveränität. Eine sich netzartig spannende Fläche zeigt, wie weit die Schritte zur Souveränität in den einzelnen Dimensionen schon erfüllt sind.

Der SovExplorer zeigt die digitale Souveränität einer Organisation auf Basis eines Selbsttests an.
(Quelle: IBM iX)

Viele Ansätze im Markt konzentrieren sich darauf, digitale Souveränität technisch messbar zu machen. Unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass Organisationen häufig nicht an fehlenden Kennzahlen scheitern, sondern an fehlender Orientierung. Erst wenn ein gemeinsames Verständnis darüber entsteht, wo eine Organisation steht und welche Abhängigkeiten bestehen, können sinnvolle Prioritäten gesetzt werden. 

Im Digital Sovereignty Lab wurde deutlich, wie stark Diskussionen über digitale Souveränität vom jeweiligen Betrachtungskontext abhängen. Bereits bei scheinbar einfachen Fragestellungen entstanden unterschiedliche Interpretationen:  

  • Sprechen wir bei Datenspeicherung über lokale Laufwerke und Arbeitsplätze oder über Fachanwendungen und Plattformen? 
  • Betrachten wir Rollen und Verantwortlichkeiten auf Ebene einzelner Systeme oder ganzer Organisationseinheiten? 

Dass die Einschätzung digitaler Souveränität je nach Kontext unterschiedlich ausfallen kann, ist dabei weder überraschend noch problematisch. Die Diskussionen machten jedoch deutlich, dass ein gemeinsames Verständnis des Betrachtungsrahmens die Voraussetzung dafür ist, überhaupt sinnvoll über Handlungsfelder, Prioritäten und Maßnahmen sprechen zu können.

Digitale Souveränität beginnt nicht mit einem Tool – sondern mit dem gemeinsamen Verständnis über Abhängigkeiten, Verantwortung und Handlungsfähigkeit.

Eine weitere Beobachtung aus dem Lab war die Resonanz auf die Dimension der operativen Souveränität. Viele Teilnehmende beschrieben diesen Blickwinkel als besonders relevant, weil er Fragen adressiert, die in vielen Diskussionen bislang kaum betrachtet werden:  

  • Wie gut kennen wir unsere Abhängigkeiten?  
  • Können wir zentrale Systeme langfristig selbst steuern?  
  • Wie realistisch sind unsere Exit-Strategien?  

Die Diskussion zeigte, dass operative Souveränität häufig als selbstverständlich angenommen wird, in der Praxis jedoch ein wesentlicher Bestandteil digitaler Handlungsfähigkeit ist. 

Von Orientierung zu Veränderung

Transparenz allein erzeugt noch keine Veränderung. Selbst die beste Standortbestimmung beantwortet noch nicht die Frage, wie digitale Souveränität im Alltag gelebt werden kann. Genau an diesem Punkt setzt das Ambassador Playbook an.

Während der SovExplorer auf die Organisation blickt, richtet das Playbook den Fokus auf die Menschen innerhalb der Organisation. Es unterstützt dabei, digitale Souveränität zu besprechen, Perspektiven zusammenzubringen und Risiken sichtbar zu machen, die im Alltag häufig unbemerkt bleiben. Fragen nach Verantwortlichkeiten, Abhängigkeiten oder fehlender Transparenz werden dadurch konkret diskutierbar. 

Eine Beobachtung aus dem Digital Sovereignty Lab machte uns diesen Zusammenhang besonders deutlich: Viele Teilnehmende interessierten sich nicht entweder für den SovExplorer oder für das Playbook, sondern wollten unbedingt beide Perspektiven kennenlernen. Ein deutliches Signal, dass Orientierung und Enablement nicht als Alternativen gesehen werden, sondern als zwei notwendige Bausteine zur Lösung derselben Herausforderung.

Ein Arbeitsheft mit der Aufschrift "Digitale Souveränität – Ambassador Playbook". Eine Seite zum Ausfüllen mit der Überschrift "Kickstart - meine Perspektive:Was verstehe ich unter Digitaler Souveränitat?" schaut hinter dem Deckblatt hervor.

Quelle: IBM iX

Von Messbarkeit zu Handlungsfähigkeit

Digitale Souveränität wird häufig auf Messbarkeit reduziert. Messbarkeit ist wichtig, denn sie schafft Transparenz und macht Entwicklung sichtbar. Langfristige digitale Souveränität entsteht jedoch erst dann, wenn Organisationen mehr entwickeln als einen Reifegrad oder einen Messwert: Sie entsteht, wenn digitale Souveränität zur Organisationsfähigkeit wird.

 

Autorinnen: Fiona Marie Hein und Victoria Boeck

Dafür braucht es eine Analyse des Ist-Standes und Menschen, die Erkenntnisse in Handeln übersetzen. Genau deshalb verstehen wir den SovExplorer und das Ambassador Playbook nicht als zwei separate Ansätze. Sie betrachten zwei Seiten derselben Herausforderung: digitale Souveränität nicht nur zu verstehen, sondern nachhaltig als organisatorische Kompetenz zu etablieren.

Wie digital souverän ist Ihre Organisation?

 

Machen Sie den Selbsttest mit unserem SovExplorer, um einen ersten Eindruck zu erhalten. Im nächsten Schritt unterstützen wir Sie gerne mit unserem Digital Sovereignty Readiness Workshop, in dem wir gemeinsam die Ergebnisse auswerten und die wichtigsten Handlungsfelder und nächsten Schritte für Ihre Organisation bestimmen.

 

Jetzt testen!

Häufige Fragen

Digitale Souveränität beschreibt die Fähigkeit einer Organisation, Daten, Technologien, Betrieb und Entscheidungsprozesse bewusst zu steuern und langfristig handlungsfähig zu bleiben.

Ein Reifegradmodell schafft Orientierung und Transparenz. Nachhaltige Veränderung entsteht jedoch erst dann, wenn Erkenntnisse organisatorisch verankert und von Menschen im Alltag umgesetzt werden.

Top-down-Ansätze schaffen Orientierung und Sichtbarkeit. Bottom-up-Ansätze fördern Verantwortung, Dialog und organisatorische Verankerung. Erst das Zusammenspiel beider Perspektiven macht digitale Souveränität langfristig wirksam.

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Wir freuen uns auf den Austausch mit Ihnen. Gehen wir die Transformation Ihrer Organisation gemeinsam an!

Sara Stechow
Lead New Business & Partnerships Public, IBM iX
Dominik Multhaupt
Cluster Lead Public, IBM iX

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