Digitale Barrierefreiheit: Wie Behörden Standards in gelebte Praxis umsetzen können
4 Starter-Methoden für mehr Barrierefreiheit in Ihrer Organisation
Quelle: freepik.com / DC Studio
Barrierefreiheit ist keine Option mehr – sie ist gesetzliche Pflicht. Aber die Umsetzung scheitert oft nicht am Willen, sondern an fehlenden Strukturen, Wissen und Ressourcen. Die gute Nachricht: Es gibt bewährte und schnell einsetzbare Methoden, die funktionieren – auch in komplexen Behördenstrukturen. Vier davon stellen wir Ihnen heute vor.
Seit Oktober 2025 gilt die Verordnung über Standards für den Onlinezugang zu Verwaltungsleistungen (OZSV), ergänzt durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz und die Europäische Norm (EN) 301 549. Trotzdem fehlen vielen Behörden trotz Regelungen, Checklisten und vorhandenem Bewusstsein praxistaugliche Methoden, um Barrierefreiheit nachhaltig umzusetzen. Digitale Barrierefreiheit muss kein Großprojekt sein, wie viele denken. Sie lässt sich niedrigschwellig an bestehende Rollen, Meetings, Prozesse und Qualitätsmerkmale anknüpfen. Wer das Wissen früh im Team verankert, reduziert Fehler, spart Kosten und etabliert eine Kultur, in der Barrierefreiheit selbstverständlich wird.
Barrierefreiheit lohnt sich – besonders für die Verwaltung
Die Effekte digitaler Barrierefreiheit verbessern nachhaltig die Digitalisierung und Organisation in der Verwaltung: Wenn barrierefreie Sprache in bestehende Redaktionsabläufe integriert ist, verstehen Bürgerinnen und Bürger Informationen meist schon beim ersten Lesen, wodurch weniger Missverständnisse und Rückfragen entstehen. Wenn Barrierefreiheit bei der Entwicklung von Komponenten mitbedacht wird, entsteht robusterer und besser skalierbarer Code. Wenn Projektteams konsequent reale Szenarien für Menschen mit Beeinträchtigungen mitdenken, statt nur formale Compliance abzuhaken, ist das der Inbegriff von Nutzerzentrierung.
Reifegrade statt Perfektionsjagd
Bei jedem Projektstart mit Barrierefreiheitsthematik geht es nicht darum, sofort alles perfekt zu machen – sondern überhaupt loszugehen. Denn gerade zu Beginn können Barrierefreiheits-Anforderungen auch schnell überwältigen. Entscheidend ist, den nächsten sinnvollen Schritt zu identifizieren, die Wirkung zu prüfen – und so mit jedem Reifegrad ein Set an Methoden zu etablieren, die Barrierefreiheit immer tiefer verankern. Anfangs reagiert man nur, wenn Probleme auftauchen. Dann kommen Regeln und Routinen dazu. Danach werden sie Teil des Systems. Und irgendwann ist Barrierefreiheit selbstverständlich und der Aufwand kaum spürbar.
Auf dem Weg zu Barrierefreiheit durchläuft Ihre Organisation vier Reifegrade
Vier Methoden zum Einstieg
Um das Thema Barrierefreiheit in Ihrer Behörde fest zu verankern, braucht es Methoden für den ersten Schritt. Die folgenden vier sind niedrigschwellig, sofort anwendbar und ermöglichen den Einstieg – unabhängig vom aktuellen Reifegrad Ihrer Organisation. Diese Methoden schaffen das Fundament, auf dem Sie nachhaltige Barrierefreiheit aufbauen können.
Durch praktische Übungen – etwa Nutzen eines Screenreaders oder Navigieren nur per Tastatur – entsteht echtes Verständnis für digitale Barrieren. In der Praxis lässt sich das oft in bestehende Schulungen integrieren statt zwingend ein neues Format aufzubauen.
Hier wird gemeinsam erarbeitet: Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Und welche Schritte führen uns dorthin? Der Workshop funktioniert besonders gut in der Phase von Zielsetzung und Planung und liefert eine klare Roadmap für die Umsetzung.
Aus „Der Button muss klickbar sein“ wird: „Als blinde Person muss ich den Button per Tastatur erreichen können und seine Funktion mithilfe des Screenreaders verstehen können.“ So werden Barrierefreiheitsanforderungen Teil bestehender Qualitätsmerkmale.
Bevor ein Feature umgesetzt wird, muss klar sein: Welche Barrierefreiheitskriterien gelten? Was muss erfüllt sein, damit ein Ticket als „ready“ gilt? So werden Barrieren früh verhindert, statt sie später mühsam zu beheben.
Mit unseren Schritt-für-Schritt-Anleitungen können Sie diese 4 Methoden einfach selbst in Ihrer Organisation ausprobieren!
Wie setzen wir bei IBM iX Barrierefreiheit um?
Unsere Erfahrungen in Kundenprojekten beweisen: Diese Methoden für Barrierefreiheit sind kein bloßer Mehraufwand. Ganz im Gegenteil: Niedrigschwellige Einstiege erzeugen am schnellsten Momentum – Barrierefreiheit wird greifbar und anwendbar für die gesamte Organisation.
Projektbeispiel 1: Einfache Sprache
Einfache Sprache macht Informationen, zum Beispiel auf Websites, für eine breite Masse an Menschen verständlich. Sie ist damit ein zentraler Hebel für digitale Barrierefreiheit – und kann leicht in bestehende Redaktionsprozesse integriert werden. Statt neue Teilprojekte zu gründen, nahmen wir das Thema für unsere Kunden unkompliziert in bestehende Redaktionsschulungen auf. Mit klaren Leitlinien, Beispielen, Übungen und Tools vermitteln wir den Redakteurinnen und Redakteuren handfeste Grundlagen, die sie direkt auf ihre Inhalte anwenden können.
Über Schulungen und Beratung konnte das Know-how in die Redaktionen der Bundeswehr und der Minijob-Zentrale getragen werden. Der Effekt: Texte, die verständlicher für die Zielgruppen sind, mehr Awareness im Redaktionsalltag und weniger Nachbesserungen, weil Barrierefreiheit jetzt Teil der Redaktionsroutine ist.
Ausschnitt aus unserer Redaktionsschulung: Einfache Sprache hat viele Vorteile (Quelle: IBM iX)
Projektbeispiel 2: Zugängliches Tastaturkonzept
Für die DRV arbeiten unsere Designerinnen und Designer im Tandem mit Menschen mit Einschränkungen zusammen. Das Ziel: Gemeinsam Lösungen entwickeln, die über reine Richtlinien-Compliance hinausgehen. In Tests mit Screenreader-Nutzenden wurde klar: Die herkömmliche Tastaturbedienung ist ineffizient und frustrierend. Menschen, die keine Maus benutzen können, können die digitalen Angebote also nur schwer oder eingeschränkt nutzen.
Statt ein großes „Accessibility-Projekt“ zu starten, begannen wir mit der internen Sensibilisierung durch Workshops, um auf Barrieren aufmerksam zu machen und das nötige Wissen für die Entwicklung zu vermitteln. Darauf aufbauend explizit um Barrierefreiheitskriterien erweitert. Wichtig war uns auch, nicht nur über Menschen mit Behinderungen zu reden, sondern mit ihnen: Von blinden Nutzenden definierte So entstanden unter anderem sinnvolle Tastenkombinationen, die Nutzenden helfen, sich ohne Maus in Anwendungen und Dokumenten zu navigieren und beispielsweise Fehlermeldungen beim Ausfüllen von Anträgen zügiger zu bearbeiten.
Mehr zum Tastaturkonzept für die DRV
Quelle: freepik.com
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Laden Sie die Methodenkarten herunter, um direkt loszulegen oder buchen Sie unseren Barrierefreiheits-Quick-Check, um herauszufinden, wo Ihre Organisation heute steht – und welche konkreten nächsten Schritte Sie gehen können. Wir stehen Ihnen gerne beratend zur Seite.
Autor*innen: Duc Dang Lüpkes, Reiner Quirin, Christiane Hahnsch
Zum IBM iX Offering für Barrierefreiheit
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