„Wo anfangen?“ –
Digitale Barrierefreiheit zwischen Gesetz, Theorie und Realität
Quelle: freepik.com
Digitale Barrierefreiheit entsteht selten aus einem idealen Zielbild. Sie beginnt im Projektalltag mit konkreten Fragen: Wie lassen sich bestehende digitale Formulare barrierefrei weiterentwickeln? Und wie wird Barrierefreiheit so in Organisation und Arbeitsweisen integriert, dass sie nicht zur letzten Prüfschleife wird, sondern von Anfang an mitläuft?
Wie drängend diese Fragen sind, zeigte ein von IBM iX initiiertes Brown Bag Meeting am 10. April 2026 im Rahmen des NEGZ (Kompetenznetzwerk Digitale Verwaltung). Über 100 Teilnehmende diskutierten engagiert und machten deutlich: Digitale Barrierefreiheit ist ein zentrales Thema für viele Verwaltungen.
Zur Aufzeichnung
Einblicke aus dem Projektalltag mit der Deutschen Rentenversicherung (DRV)
Die spezialisierte Designerin Anna-Katharina Löhn (Design Lead bei IBM iX) und der blinde Programmierer Günter Hanke (Shared Service Barrierefreiheit DRV) teilten praxisnahe Erfahrungen aus ihrer Zusammenarbeit im größten Digitalisierungsprojekt der DRV: rvEvolution. Dabei ging es nicht um ein Best-Practice-Schaufenster, sondern um einen ehrlichen Blick darauf, was in der Umsetzung funktioniert – und wo es hakt.
Ein zentraler Punkt: Barrierefreiheit wirkt, wenn Teams sie konsequent in den Alltag der Produkt- und Serviceentwicklung einbinden – in Anforderungen, Abstimmungen, Design und Entscheidungen. Die Diskussion zeigte, wie sehr eine gemeinsame Vorgehensweise hilft, Komplexität zu reduzieren und Qualität zu sichern.
„Barrierefreiheit entfaltet Wirkung, wenn sie Teil der Prozesse ist und nicht erst am Ende überprüft wird.“

Barrierefreiheit über gemeinsame Standards „mitlaufen lassen“
Ein wiederkehrender Erfolgsfaktor aus den Erfahrungsberichten: gemeinsame Design- und Entwicklungsansätze, gestützt durch ein Designsystem. Dieses dient nicht als Selbstzweck, sondern löst ein häufiges Problem: Wenn Teams viele Einzelfälle und Sonderlösungen schaffen, steigt die Komplexität – und Barrierefreiheit wird zur Dauerbaustelle.
Ein Designsystem hilft, Barrierefreiheit nicht ständig neu zu erfinden. Wiederverwendbare Komponenten und klare Leitlinien machen sie skalierbar und entlasten den Arbeitsalltag.
Struktur schaffen, Komplexität senken, Verantwortung teilen
Aus Beratungssicht zeigte sich: Nachhaltige Barrierefreiheit hängt weniger von Einzelmaßnahmen ab, sondern von klaren Strukturen. Dazu gehören eindeutige Entscheidungswege, klare Zuständigkeiten, realistische Migrationspfade und eine gemeinsame Logik, um Qualität zu sichern.
Drei Erfolgsfaktoren wurden im Austausch bestätigt – genau so begleiten wir die Umsetzung:
In Discovery, Anforderungserhebung, Design Reviews und Definition of Done sowie den Abnahmekriterien
Klare Prozesslogik, weniger Sonderfälle, mehr Standardisierung
Übersetzung in Rollen, Routinen und gemeinsame Qualitätsstandards
Die BGG-Reform erhöht die Relevanz digitaler Barrierefreiheit
Ergänzend wurde der neue Gesetzentwurf zur Novellierung des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) eingeordnet. Barrierefreiheit wird damit stärker zur Management- und Prozessfrage. Es geht nicht nur darum, welche digitalen Angebote bereitgestellt werden, sondern auch darum, wie Organisationen sicherstellen, dass diese Angebote barrierefrei entstehen. Die Erwartungen an digitale Barrierefreiheit steigen – ebenso der Bedarf, sie dauerhaft in Entwicklungs- und Betriebsprozesse zu integrieren.
Ein Thema, das den Nerv trifft
Dass die Diskussion auf so großes Interesse stieß, war kein Zufall. Digitale Barrierefreiheit wird vielerorts vorangetrieben – oft unter Zeitdruck, mit knappen Ressourcen und im Spannungsfeld zwischen bestehenden Systemen und neuen Vorhaben. Umso wertvoller ist ein Austausch, der nicht bei abstrakten Prinzipien bleibt, sondern zeigt, wie Umsetzung im Alltag gelingt.
Gemeinsam Hebel für spürbare Entlastung finden – und umsetzen
Digitale Barrierefreiheit ist ein kontinuierlicher Gestaltungsprozess. Sie erfordert strategische Priorisierung, klare Verantwortlichkeiten und eine konsequente Integration in bestehende Prozesse. Organisationen müssen lernen, Barrierefreiheit systematisch zu verankern, Standards gezielt zu nutzen und Lösungen skalierbar zu gestalten. Dabei gilt es, einen eigenen Weg zu finden – angepasst an regulatorische Anforderungen, bestehende Strukturen und technologische Voraussetzungen.
Stehen Sie vor der Frage, wie sich digitale Barrierefreiheit pragmatisch priorisieren, in Prozesse integrieren und über Standards sowie Designsysteme skalieren lässt?
Wir helfen Ihnen, klare nächste Schritte und konkrete Entlastungshebel zu identifizieren – und diese gemeinsam umzusetzen.
Aufzeichnung des Brown-Bag-Meetings vom 10. April 2026
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