Das N in NOOTS steht für Nutzende: vom Data Mesh zum Experience Mesh

Ein Computer und zwei Smartphones übertragen untereinander Daten.

Quelle: freepik / magnific

Mit NOOTS entsteht aktuell die zentrale Infrastruktur für die Registermodernisierung. Damit wird der Datenaustausch zwischen Behörden nach dem OnceOnlyPrinzip möglich.Architektur, Standards und Schnittstellen haben bereits einen hohen konzeptionellen Reifegrad. Und in vielen Verwaltungen starten Pilotprojekte. Aber: NOOTS hat einen riskanten blinden Fleck und über den sollten wir dringend sprechen.

Der Elefant im Datenraum: die fehlende Nutzerzentrierung

Wenn zwischen Behörden Daten fließen, werden viele technische Systemgrenzen überwunden. Ende-zu-Ende gedacht geht es aber weniger um technische als um organisationale Systemgrenzen, also die Berührungspunkte zwischen Verwaltung und ihrer Umwelt. Es geht dabei immer um die Frage, wie Unternehmen, andere Organisationen oder Bürgerinnen und Bürger Verwaltungsleistungen optimal nutzen können. Die alltägliche Interaktion mit der NOOTs-basierten Verwaltungen der Zukunft muss als Angebot entwickelt werden, das Handlungsmöglichkeiten für Menschen und Maschinen erweitert und Nutzende entlastet.  

Planung und Steuerung sind bisher verwaltungszentriert. Es besteht das Risiko, das eine unübersichtliche Anzahl dezentraler Daten-Provider und fragmentierter Datenbestände entstehen. Die Nutzerperspektive ermöglicht die Entwicklung kohärenter digitaler Services, die strategische Wirkungsziele und konkrete Nutzungsziele effektiv verzahnen. Es muss daher gar nicht kompliziert sein, diesen blinden Fleck im weiteren Vorgehen anzugehen: NOOTS basiert auf dem domänenorientierten Data Mesh-Konzept. Und konzeptionell kann Domäneorientierung einfach weitergedacht werden als Experience-Orientierung. Arbeitstitel „Experience Mesh“. 

Vom Data Mesh zum Experience Mesh: NOOTS aus Nutzerperspektive

Komplementär zum Data Mesh lässt sich der Experience Mesh als Modell der Nutzungsstruktur verstehen. Während das Data Mesh die dezentrale Bereitstellung und Verknüpfung von Daten organisiert, systematisiert das Experience Mesh die kontextuelle Nutzung. Grob lassen sich vier Ebenen unterscheiden: (1) die übergeordnete Steuerungsebene, (2) die Ebene der funktionalen Nutzungshorizonte, (3) kontextspezifische Enablements, die als Ressourcen-Set angeboten werden, und (4) wiederkehrende Interaktionspatterns als Zugriffselemente. 

Die Tabelle unten zeigt alle vier Ebenen und ihr Pendant im Data Mesh. Es geht nicht um ein entweder oder. Es geht darum, die entstehenden NOOTS-Infrastrukturen als konsistente und funktional zusammenhängende Angebote zu entwickeln, die öffentlichen Mehrwert schaffen. Der entsteht im Sinne einer DIKW-Pyramide vor allem, wenn Wirkung und Nutzung als Leitprinzipien die Entwicklung strukturieren – und damit beitragen zu einer effizienten, vertrauenswürdigen und modernen Verwaltung. 

NOOTS Experience Mesh — Nutzerperspektive in vier Ebenen

Innerhalb jedes Service- oder Nutzungshorizonts erweitern konkrete Enablements die Handlungsoptionen der Nutzenden und unterstützen diese bei der Realisierung ihrer Nutzungsziele. Im zielgerichteten Nutzungsprozess können Nutzende zugreifen auf konsistente und verständliche Experience Patterns, die ihnen sichere Interaktionsentscheidungen ermöglichen. Und die Erklärung administrativer Zuständigkeiten, rechtlicher Rahmenbedingungen und Transparenz zur Datenverarbeitung gehören zur Experience Governance. 

Diese konzeptionelle Erweiterung als „Experience Mesh“ soll vor allem eins deutlich machen: Genau wie eine durchdachte Datenarchitektur braucht NOOTS eine systematische Experience-Architektur. Denn Datenmodelle zu definieren und technisch verfügbar zu machen ist nur die halbe Wahrheit. Erst als nutzerzentriertes System kann NOOTS sein volles Wirkungspotenzial entfalten. Für die praktische Umsetzung wichtiger als alle Architekturkonzepte zusammen wird es aber sein, das Vorgehen offen und partizipativ zu organisieren, um die Mikroperspektive der Nutzenden in den administrativen Entscheidungsprozess einzusteuern. Das bedeutet praktisch: Klarer StratOps-Loop im Vorgehensmodell, Service Design abgesichert durch User Research und inkrementelle Upstream-Veröffentlichung nachnutzbarer Komponenten zur verwaltungsübergreifenden Kollaboration. 

N steht für Nutzende: Mikroperspektiv statt Exekutiv

Das Akronym NOOTS beginnt mit „N“ und steht für einen Anspruch, der über technische Infrastruktur hinausgeht: Die neue Dateninfrastruktur soll administrative Leistungen für Nutzende in ganz Deutschland und in der EU verbessern. Aber die Nationalperspektive ist ein Geltungsanspruch, kein Lösungsansatz. Um diesen Anspruch mit Leben zu füllen, muss die Mikroperspektive der Nutzenden systematisch in den Umsetzungsprozess integriert werden. 

Ziele für die Umsetzung: NOOTS als Service über mehrere Touchpoints

Nutzende interessieren sich nicht für föderierten Datenaustausch oder domänenorientierte Konzepte. Sie wollen in der Regel etwas erledigen: Verwaltungsmitarbeiter*innen möchten ihre Arbeit effektiv und korrekt erledigen. Bürger*innen möchten einen Antrag digital stellen ohne viel Aufwand. Jeder Verwaltungsservice muss diese doppelte Nutzerperspektive in der Umsetzung beachten. Für die NOOTS-Umsetzung bedeutet das, dass dabei bestehende Online-Services, digitale Formulare und Fachverfahren nicht nur als Systemumgebungen, sondern vor allem auch als Mittel zum Zweck verstanden werden müssen, das nur im Kontext eines übergeordneten und technologieagnostischen “Job-to-be done” zu verstehen ist.  

Nutzende werden NOOTS-basierten Nachweisen an unterschiedlichen Touchpoints begegnen, von Inline-Formularfunktionen, über die persönliche Nachweisübersicht eines einzelnen Data Consumer-Ökosysteme bis zur lokalen Verwaltung im EUDI-Wallet. Viele Nachweis-Prüfungen werden aber auch im Hintergrund ablaufen können, ohne dass Nutzende damit behelligt werden. Deshalb sind verständliche Einwilligungs- und Transparenzfunktionen sowie auch validierbare Kennzeichnung der verantwortlichen Institutionen entscheidende Grundlagen für sichere Nutzungsentscheidungen und Vertrauen in die neuen digitalen Verwaltungsleistungen. 

Vorbilder für die Integration an mehreren Touchpoints finden sich in kommerziellen digitalen Ökosystemen, wie sie jeder als Konsument bereits kennt. Ob PayPal im Checkout oder das DHL-Tracking: Beide funktionieren als integrierte Mikroservices, die hochkomplexe Systeme im Hintergrund steuern, während Nutzende im Frontend klare und nutzungsrelevante Interaktionsmöglichkeiten angezeigt werden. NOOTS muss sich wie diese Mikroservices situativ in Verwaltungsprozesse einfügen – mal im Hintergrund, mal als proaktive Handlungsaufforderung.  

Eine zentrale Designaufgabe entsteht daher im Spannungsfeld zwischen Transparenz und Entscheidungsrelevanz: Im Hintergrund der NOOTS-Infrastruktur existieren zahlreiche potenzielle Datenquellen, Register und Provider mit unterschiedlichen Datenständen. Für Nutzende darf davon aber nur das sichtbar werden, was im Kontext die Interaktion weiterbringt: eine verständliche Nachweis-Darstellung, überprüfbare Angaben zu dessen Herkunft und Aktualität, sowie – falls erforderlich – die Möglichkeit zwischen plausiblen Alternativen zu wählen. Ein strukturierter Designprozess mit etablierten Methoden ermöglicht die nutzerzentrierte Lösungsentwicklung, die alle vier Experience-Ebenen berücksichtigt und verbindet. 

Praxis-Beispiel: NOOTS bei der Deutschen Rentenversicherung

Wie diese Potenziale nun in konkrete Mehrwerte für Versicherte übersetzt werden können, untersucht die DRV derzeit gemeinsam mit IBM iX in einem Service-Design-Projekt. Statt von Registern, Schnittstellen oder Fachverfahren auszugehen, werden produkt- und ressortübergreifend zunächst Nutzungssituationen, Lebenslagen und User Journeys exploriert. Für die Deutsche Rentenversicherung mit ihren 16 Trägern, 62.000 Mitarbeiter*innen und über 60 Millionen Versicherten bieten NOOTS-basierte Nachweise enormes Potenzial. Den Start machen wir dabei mit Anwendungsfälle, bei denen digitale Nachweise den größten Nutzen stiften und bei denen die technischen Voraussetzungen bereits frühzeitig bereitstehen werden. Damit schaffen wir für erste Experience Domains die Grundlage, um nachnutzbare und adaptierfähige Enablements und Patterns abzuleiten. 

„NOOTS kann die Art und Weise, wie Versicherte mit der DRV interagieren, grundlegend verändern. Dabei ist NOOTS für mich keine Technologiefrage, sondern eine Frage des ganzheitlichen Nachweis-Handlings für Versicherte. Erst wenn wir den Problemraum „Nachweise“ in allen Bedarfsrichtungen verstehen, können wir priorisieren, wie passgenaue Lösungen auf NOOTS-Basis aussehen sollen. Die Spanne reicht bei der DRV von Nachweisen, die Versicherte von uns erhalten, bis zu denen, die die Deutsche Rentenversicherung selbst, mit Erlaubnis der Bürger*innen, bei anderen Organisationen einholt. Zum NOOTS-Gesamtbild gehört für uns auch das Zusammenspiel mit parallel entstehenden Innovationen, wie zum Beispiel der EUDI-Wallet als persönliche Nachweis-Container.“ 

Felix Ewers,
Lead Service Designer
Deutsche Rentenversicherung 

Statt Nachweise mühsam zu recherchieren und manuell einzureichen, werden Nutzende z.B. im Rahmen der digitalen Kontenklärung digitale Nachweise auswählen können. Als exemplarische Pilot-Nachweise, die frühzeitig durch Anschluss eines zentralen Register-Providers möglich werden, kommen Nachweise für Ausbildungszeiten in Frage, die sowohl im Antrag für Anrechnungszeiten benötigt werden als auch im umfangreicheren Kontenklärungsantrag. Anspruch der praktischen Umsetzung muss es sein, dass Experience Enablements und Patterns über verschiedene Touchpoints übertrag- und nachnutzbar sind. Frontend-Komponenten können dann in geeigneter Form dokumentiert und veröffentlicht werden, um über verschiedene Verwaltungen eine konsistente NOOTS Experience zu erreichen und Parallelentwicklungen zu reduzieren. 

Damit folgt die DRV einem Ansatz, der das „N“ in NOOTS konsequent ernst nimmt: Nicht die technische Verfügbarkeit von Nachweisen steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie daraus verständliche, vertrauenswürdige und effektiv nutzbare Services entstehen. 

Autoren: Dr. Urs Bellermann, Felix Ewers

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Sara Stechow
Lead New Business & Partnerships Public, IBM iX
Dominik Multhaupt
Cluster Lead Public, IBM iX

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